Nächste Energiepreiskrise: Nicht bremsen, sondern Ökostrom geben
Der Iran-Krieg droht länger zu dauern. Soll er für Deutschland noch einen Sinn haben, muss er als Booster für die Energiewende wirken.
Wer auf ein Auto angewiesen ist, spürt es hautnah, an der Zapfsäule: Donalds Trumps gefährliches Nahost-Abenteuer hat die Spritpreise stark steigen lassen. Der Krieg um Iran und die zunehmende Gefahr einer Dauerblockade der Straße von Hormus lassen die Energiemärkte nervös reagieren.
Die schmale Meerenge zwischen Iran und Oman ist eine der wichtigsten Schlagadern des globalen Energiesystems – rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Erdöls und Flüssigerdgases wird hier verschifft. Schon eine teilweise Störung kann die Preise weltweit nach oben treiben. Entsprechend groß wäre der Effekt einer längeren Blockade.
Für die Weltwirtschaft ist das ein erhebliches Risiko. Der Sicherheitsexperte Peter Neumann vom King’s College in London warnt, dass Iran versuchen könnte, über eine langfristige faktische Sperrung der Straße von Hormus gezielt wirtschaftlichen Druck auf westliche Staaten auszuüben und so eine globale Wirtschaftskrise auszulösen.
Auch gerade für Deutschland sind die Risiken groß. Neumann formulierte es drastisch: „An der Straße von Hormus und dem Suezkanal hängt die gesamte deutsche Industrie.“
Eskalation dauert meist länger als gedacht
Ökonomen sehen derzeit zwei mögliche Szenarien. In der optimistischen Variante beruhigt sich die Lage relativ schnell, binnen Wochen. Die Folge: Die Erdöl- und LNG-Transporte normalisieren sich wieder, und die Preise stabilisieren sich.
Doch die Erfahrungen aus den Konflikten im Irak, in Afghanistan oder in Syrien sprechen eher dagegen. Meist dauerte eine politische und militärische Eskalation in der Region länger als zunächst erwartet. Zudem gilt ein schneller Zusammenbruch des iranischen Regimes als eher unwahrscheinlich.
Das zweite Szenario wäre auch ökonomisch deutlich gefährlicher: Der Krieg zieht sich hin, das iranische Regime reagiert weiter mit Angriffen auf Ziele in den Golfstaaten und mit Störungen der Tankerrouten. Die Passage durch die Straße von Hormus würde für Öl- und LNG-Tanker riskant bleiben.
In diesem Fall könnten erhebliche Teile der globalen Energieversorgung längere Zeit ausfallen. Selbst wenn andere Opec-Länder ihre Produktion erhöhen oder alternative Transportwege genutzt werden, dürften die Preise für Öl und Flüssigerdgas dann deutlich über den zuletzt üblichen 60 bis 70 US-Dollar pro Barrel steigen.
Öl und Gas bleiben zentrale Kostenfaktoren
Deutschland ist zum Glück heute weniger stark vom Öl abhängig als früher. Hierzulande werden heute „nur“ noch rund 100 Millionen Tonnen Rohöl jährlich verbraucht, rund ein Drittel weniger als Ende der 1990er Jahre. Auch der Erdgasverbrauch sank deutlich, zeitweise bis zu einem Fünftel, vor allem ausgelöst durch Putins Angriff auf die Ukraine 2022 und die explodierenden Gaspreise.
Trotzdem bleibt fossile Energie einer der zentralen Kostenfaktoren für Industrie und Haushalte. 2024 lagen die Ausgaben für die deutschen Energieimporte bei satten 69 Milliarden Euro. 2022, inmitten der Energiekrise, waren es sogar 131 Milliarden.
Ein längerer Krieg in Nahost würde sich schnell im Alltag bemerkbar machen. Benzin und Diesel könnten langfristig deutlich teurer werden, ebenso Heizöl. Flugreisen und Fernurlaub würden kostspieliger, weil die Kerosinpreise steigen.
Auch Transportkosten für Waren würden zulegen, sodass viele Unternehmen ihre Preise neu kalkulieren müssten. Besonders betroffen wären Branchen wie Verkehr und Logistik – aber auch die ohnehin angeschlagene Chemieindustrie, die weiterhin stark auf fossile Rohstoffe angewiesen ist.
Wiederkehrendes Muster der Abhängigkeit
Das eigentliche Problem liegt jedoch tiefer. Trotz aller Fortschritte bei erneuerbaren Energien basiert die deutsche Energieversorgung noch immer überwiegend auf fossilen Quellen. Öl, Gas und Kohle decken zusammen noch rund drei Viertel des Endenergieverbrauchs. Der überwiegende Teil dieser Energieträger wird importiert – und macht Deutschland so anfällig für geopolitische Krisen.
Diese Abhängigkeit ist ein wiederkehrendes Muster der vergangenen Jahrzehnte. Die Ölkrisen der 1970er-Jahre erschütterten die Weltwirtschaft. Der Irakkrieg der US-Regierung unter George W. Bush destabilisierte erneut eine wichtige Förderregion.
Und Putins Angriff auf die Ukraine führte Europa besonders schmerzhaft vor Augen, wie riskant energiepolitische Abhängigkeiten von autoritären Regimen sind. Nun droht der nächste Energieschock durch den Iran-Krieg.
Gerade deshalb müsste die politische Konsequenz klar sein: Die Energiewende ist nicht nur ein Projekt für den Klimaschutz, sondern auch eine wirtschafts- und sicherheitspolitische Strategie. Jede zusätzliche Windkraftanlage, jedes Solardach und jede eingesparte Kilowattstunde reduzieren die Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten.
Erneuerbare Energien werden überwiegend im Inland erzeugt und machen Volkswirtschaften widerstandsfähiger gegen geopolitische Schocks.
Job-Einbruch wie vor 15 Jahren droht
Der Konflikt im Nahen Osten sollte deshalb ein Weckruf für die Bundesregierung und die Koalitionsparteien sein. Statt den Umbau des Energiesystems zu verlangsamen, muss er beschleunigt werden. Die geplanten Bremsmanöver beim Heizungsgesetz, beim Ausbau erneuerbarer Energien oder beim „Verbrennerverbot“ gehen in die falsche Richtung.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) dürfen nicht länger als politische Verbündete der Gas- und Öllobby fungieren. Sie müssen die Unabhängigkeit von fossilen Energien vorantreiben – eben nicht nur zum CO2-Sparen, sondern auch zur langfristigen Stärkung der Wirtschaft.
Die Vergangenheit zeigt, wie teuer energiepolitische Fehlentscheidungen werden können. Nach 2009 bremste die damalige Merkel-Regierung von Union und FDP den Ausbau der Solarenergie massiv aus. Umweltminister Peter Altmaier (CDU), dessen Staatssekretärin übrigens damals Katherina Reiche war, kappte die Förderung und setzte eine Branche unter Druck, die zuvor weltweit führend gewesen war.
Am Ende gingen mehr als 100.000 Arbeitsplätze verloren, und Deutschland vergab eine zukunftsträchtige Produktionsbranche an China, die ohne diese Fehlentscheidungen heute ein Rückgrat der Wirtschaft sein könnte.
Ein solcher Rückschlag darf sich nicht wiederholen. Heute arbeiten dank des Wiederaufschwungs unter der Ampelregierung hierzulande rund 400.000 Menschen in der Erneuerbaren-Branche. Diese Arbeitsplätze – und die Chance auf neue industrielle Wertschöpfung – stehen auf dem Spiel.
Quelle
Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Joachim Wille) 2026 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden!







